Mac Pro mit 12 Prozessorkernen
in Allgemein, Apples Desktop-Computer, Software by jrgen, 3. September 2010 - 3 Comments »
Den Mac Pro als neu vorzustellen, hieße wohl Eulen nach Athen oder Äpfel nach Cupertino tragen. Trotzdem möchte ich als Besitzer des aktuellen Modells mit 12-Kern-Architektur beschreiben:
Was ist geblieben und was ist neu?
Erste Praxiserfahrungen sollen einen, wenn auch subjektiven, Eindruck von der Leistungsfähigkeit vermitteln.
Nicht nur bei mir beginnt die Ankunft eines neuen Apple Produkts mit einer Auspack-Zeremonie die fotografisch dokumentiert wird. Da solche Bilder wohl hauptsächlich für den Besitzer des neuen Produkts interessant sind, möchte ich hier auf ein Video verweisen, das mein Sohn mit dem iPhone aufgenommen (und geschnitten) hat. Es ist kurz und zeigt trotzdem schon etwas vom Innenleben, z.B. die neue Grafikkarte (rot wie ein Ferrari und wohl auch so schnell). Hier das Video:
Das Äußere des aktuellen Mac Pro ist seit den Tagen des G5 fast gleich geblieben, lediglich eine Abdeckung für ein zweites optisches Laufwerk sorgt seit 2006 für einen etwas veränderten Look.
Wenn ich meinen neuen Mac Pro 12-core mit meinem vorherigen Gerät, einem Modell 2006 mit vier Kernen vergleiche, hat sich am eigentlichen Gehäuse nichts verändert. Lediglich die beiden Mini-Displayport Anschlüsse an der Grafikkarte sind neu und aus den 4 Firewire 400 Buchsen sind 800er geworden.
Hier bin ich gleich beim einzigen Punkt den ich an der Hardware beanstanden möchte: Geräte mit FW 800 sind außerordentlich selten anzutreffen und liegen auch nicht gerade im Trend. (Ich denke USB 3 schon eher.) Apple hätte zumindest einen Adapter beilegen können. So musste ich erst zu M & M Trading um für 14,-- Euro einen Umstecker zu kaufen, bevor ich mein Audio Interface mit Firewire 400 anschließen konnte.
Ganz toll finde ich nach wie vor die stabile Verarbeitung des Gehäuses und das aufgeräumte Innenleben. Wer schon einmal einen PC auseinander genommen hat weiß, wovon ich rede.
Hier je ein Bild vom geöffneten 4-Kern Mac 2006 und vom 12-Kern Modell 2010:
Trotz des grundsätzlich gleich gebliebenen Aufbaus im Gehäuse-Inneren, ist das eigentliche Innenleben neu, das Mainboard, die CPU, Grafikkarte und Speichermodule.
Ein Highlight beim Mac Pro ist für mich immer noch die Anbringung der Festplatten. Keine kleinen Stecker, die so festsitzen, dass sie sich erst lösen, wenn man die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben hat und die Finger sich anfühlen, als hätten sie Bekanntschaft mit mittelalterlichen Daumenschrauben gemacht. Die Festplatte ist an einem Schlitten befestigt, der sich ganz einfach herausziehen und wieder hinein schieben lässt; die Anschlüsse rasten mühelos ein. Die Befestigung an diesen Metallrahmen geschieht mit Rändelrad-Schrauben, die man sogar ohne Schraubenzieher drehen kann. Hier konnte ich ein kleines Upgrade im Vergleich mit meinem vorherigen Modell feststellen. Die Schrauben sind jetzt mit Gummiringen gegen Vibration abgefedert. Zwei recht große und deshalb langsam drehende Lüfter, einer vorn oben und einer hinten unten, sorgen für einen sehr leisen Betrieb, meinem Eindruck nach noch leiser als beim Vorgänger.
Mein neuer Mac besitzt zwei Intel-Xeon-Prozessoren „Westmere“ mit je 6 Kernen. Mit der aktuellen, auch schon von den i5- und i7-CPUs bekannten Hyperthreading-Technologie kommen zu den 12 echten noch einmal 12 virtuelle Kerne hinzu. Das Dienstprogramm Aktivitätsmonitor zeigt auch 24 Balken an. Bei meinem Modell sind die Kerne mit 2,66 GHz getaktet. Gegen den saftigen Aufpreis von 1200 Euro sind aber auch 2,91 GHz zu haben. Ab Werk kommt der Rechner mit einer 1 Terrabyte Festplatte und 6 GB Arbeitsspeicher, den ich gleich auf 8 GB aufgerüstet habe.
Wozu braucht man die Power eines Computers mit 12 Prozessorkernen?
Ich mache Musik mit vorwiegend elektronischen Instrumenten. Im Laufe der letzten Jahre fand ein Wandel statt vom Computer im Studio zum Studio im Computer. Wenn ich innerhalb meiner Musik-Software beispielsweise ein Kompressor Plug-in verwende, habe ich im Gegensatz zur Hardware nicht nur einen Kompressor, sondern bei Bedarf auch 20 indem ich in 20 Spuren je eine Instanz des Plug-ins einsetze. Dann multipliziert sich aber auch die CPU-Last, die dieser Effekt verursacht. Mein vorheriger Mac mit 4 Kernen schafft zwar noch alle meine bisherigen Projekte, aber ab und zu treten Spitzen auf, die einen Song beim Abspielen mittendrin zum Stillstand bringen können.
Der zweite wichtige Punkt ist die „Latenz“ genannte Verzögerung beim Einspielen von Instrumenten. Da dieser Artikel nicht nur für Musiker gedacht ist, hier eine kurze Erklärung. Je mehr Spuren, virtuelle Instrumente, Effekte usw. in einem Song aktiv sind, desto mehr muss der Computer rechnen und das dauert dann entsprechend länger, je höher die CPU-Belastung ist. Niemand kann exakt im Takt zu bereits aufgenommenen Spuren spielen wenn der Ton, den er spielt, erst eine Sekunde später im Lautsprecher oder Kopfhörer zu hören ist. Dafür gibt es „work-arounds“, z. B. einen Schalter im Sequenzer der alle „Schwerlast-Plug-ins“ auf Bypass schaltet (no-latency-mode). Komfortabel ist das aber nicht immer. Wenn man bereits viele Spuren hat, einen vorläufigen Mix eingestellt hat und noch etwas dazu spielen will, ändern sich durch den Bypass von Dynamikprozessoren die Lautstärkeverhältnisse unter Umständen drastisch.
Nachdem ich mein Musikproduktionsprogramm Apple Logic Pro 9 installiert hatte, probierte ich zunächst mit den Demo-Songs, die Logic beiliegen. Der Titel „The fear“ von Lily Allen enthält viele Spuren, zahlreiche Plug-ins und außerdem wird das zugehörige Musikvideo innerhalb von Logic angezeigt, sodass mein Quadcore Mac beim ersten Abspielen manchmal stecken blieb. Eine Eigenheit von Logic ist es, dass so etwas beim erneuten Start des Titels meistens nicht mehr passiert weil etliche Daten dann schon in einem Cache gespeichert worden sind. Der 12-Kern Mac Pro lässt sich von diesem Song nicht aus der Ruhe bringen, die Auslastung der CPU ist laut Anzeige in einem niedrigen Bereich.
Aber hier zeigt sich ein Verhalten der Software, das schon seit Wochen im Apple Diskussionsforum (Apple Discussions) heftig diskutiert wird. Unterstützt das Programm Logic alle Prozessorkerne? Die Aussage eines Apple-Mitarbeiters, Logic würde auf jeden Fall alle physischen Kerne unterstützen, wird dort angezweifelt. Und tatsächlich, nur 8 Balken bewegen sich, in der Systemauslastungs-Anzeige von Logic. In der Aktivitätsanzeige des Systems sieht es ähnlich aus, allerdings zuckt es ein kleines Bisschen in allen 24 Segmenten, wobei es sich wohl um Prozesse im Hintergrund handeln dürfte. Es sieht so aus, als hätten die Leute Recht, die sagen ein höher getakteter Mac mit 8 Kernen brächte derzeit für die Musikproduktion mehr Leistung. Erste Erfahrungsberichte sagen aus, dass Logic bei einem aktuellen 4-Kern-Prozessor mit Hyperthreading 8 Kerne (inklusive der virtuellen) benutzt, bei einem 6-Kern-Prozessor aber nur die 6 physischen, da Hyperthreading dort nicht unterstützt wird. Das ist nicht sehr befriedigend, man kann nur hoffen, dass ein entsprechendes Logic-Update bereits in Arbeit ist.
Die Songs von der Apple Demo-DVD stellen keine Herausforderung dar, es werden nur Plug-ins verwendet, die zum Lieferumfang von Logic gehören und perfekt an das Programm angepasst sind.
Bevor ich meine eigenen Projekte ausprobieren konnte, musste ich alle meine Plug-ins, die nicht von Apple sind, installieren und autorisieren. Es sind bei mir über 50, wobei einige zu Bundles gehören, aber etwa 30 Autorisierungsvorgänge hatte ich durchzustehen. Einfach Seriennummer eingeben, schön wär’s! (Nur bei Logic selbst geht das so – danke, Apple!). Da gibt es iLok und die verschiedenen Challenge/Response-Verfahren.
Ohne Internet geht gar nichts. Nervig wird es, wenn der Partner die E-Mail-Adresse ablehnt, weil man mit einer anderen registriert hat. Dann kann es Tage dauern, bis alles geregelt ist. Inzwischen funktioniert fast alles, nur mein Zweitkeyboard Line 6 TonePort KB 37 wird trotz neuster Treiber nicht erkannt (mit älteren allerdings auch nicht). Aber auch das kann noch werden – die Hoffnung stirbt zuletzt!
Und hier die aktuellen Ergebnisse:
Im ersten Bild sieht man den Refrain-Teil eines meiner Songs beim Abspielen mit dem 4-Kerne-Mac. Die recht moderate Auslastung täuscht, denn es kann immer passieren, dass beim ersten Abspielen eine Systemüberlastung eintritt wenn ein plötzlich „anspringendes“ Plug-in eine Spitze verursacht.
Der zweite Screenshot wurde mit dem 12-Kerne-Mac gemacht. Man sieht, dass die 8 benutzten Kerne sehr wenig beansprucht werden. Auch die Disk I/O Anzeige in Logic (der ganz rechte Balken) verhält sich während des ganzen Songs wesentlich zurückhaltender. Möglicherweise eine Folge von 8 GB RAM, obwohl im Vorgänger auch schon 7 GB eingebaut sind. Der wurde übrigens ab Werk mit 1 GB geliefert, aufgeteilt in zwei 512er-Riegel. Im neuen Mac sind es 4 x 2 GB und es bleiben 4 weitere Steckplätze frei.
Nun zum Thema Latenz. Versuche, zu einem Song mit vielen Spuren eine weitere einzuspielen, ergaben erfreulich kurze Latenz-Zeiten. Absoluter Härtetest war ein Song mit 32 Spuren und 38 aktiven Plug-ins. Hier wurde die Verzögerung beim Druck einer Keyboardtaste deutlich spürbar. Nachdem ich anspruchsvolle Mastering Plug-ins (IK Multimedia T-Racks 3) auf Bypass geschaltet hatte, war wieder alles im grünen Bereich. Das ist auch in Ordnung so, denn wenn man schon Mastering-Ketten im Mix einsetzt, dann erst nachdem alles gespielt worden ist.
Neben der Musik habe ich noch ein zweites Testgebiet herangezogen. Das Rendern von Video-Dateien ist eine der Zeit raubendsten Aufgaben am Computer. Mit Apple Final Cut Pro dauerte das Rendern eines knapp 10 Minuten langen Films in Full-HD-Auflösung, Codec H 264, Sound 48 kHz 53 Minuten am Mac Pro 4-core. Alle vier Kerne werden gleichmäßig ausgelastet.
Der 12-core braucht 32 Minuten. 12 Kerne werden benutzt (siehe auch die interne Anzeige von Final Cut links im Bild mit den grünen Segmenten). Würde Hyperthreading unterstüzt, könnte das Ergebnis sicher noch viel besser aussehen.
Und die Grafikkarte?
Soweit die Erlebnisse und Eindrücke der ersten Woche. Um die Grafikkarte auszureizen, werde ich demnächst Windows 7 auf einer Bootcamp Partition installieren. Dann sollen einige anspruchsvolle 3-D PC-Spiele die ATI Radeon 5770 herausfordern und ich werde einen gesonderten Bericht darüber schreiben.
Fazit:
Der Apple Mac Pro mit 12 Prozessorkernen bietet eine tolle Leistung und ist dabei noch flüsterleise, auch unter Last. Selbst wenn nicht alle Kerne ausgenutzt werden ist die Leistung hervorragend. Eine weitere Leisungssteigerung ist bei Verwendung der neuen Solid-State-Drives zu erwarten, die wesentlich schnellere Schreib-/Lesevorgänge ermöglichen als konventionelle Festplatten und die Zeit bei Videocodierung halbieren sollen. Dann stünde es in meinem Test 53 Min. (4 Kerne mit HD) gegen 16 Minuten (12 Kerne mit SSD). Vier solcher Drives mit je 512 GB Speicher lassen sich in den Schächten des Mac Pro anstelle von Harddisks unterbringen. Der einzigen Haken ist der Preis von 1250,-- Euro pro Stück.
Die Software-Programmierer sind jetzt gefordert die Programme anzupassen. Besonders von den Apple-Produkten Logic Pro und Final Cut Pro kann man verlangen, dass sie schnell ein Update bekommen, damit die Möglichkeiten der neuen Hardware voll ausgeschöpft werden können.
Auch sehr gut ist nicht gut genug, wenn man solche Preise verlangt, wie Apple für die neuen Pro-Modelle, deren Top-Ausführungen nur „built to order“ im Apple online-store zu bestellen sind. Trotzdem bereue ich den Kauf ganz und gar nicht, so viel Leistung hatte ich noch nie und es macht alles wieder richtig Spaß!








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