Palm Pre, ein Erfahrungsbericht

in Meinung, Smartphone, iPhone, iPod, iTunes von karlimann, 23. Januar 2010 - 12 Kommentare »

Zunächst möchte etwas vorrausschicken, der folgende Erfahrungsbericht wird rein subjektiv sein und ich schildere nur meine Eindrücke und Ansichten. Jetzt aber von Anfang an. Die deutsche Palm Community (Nexave.de), bei der ich zufällig Moderator bin, fieberte schon sehr lange dem Pre entgegen. Mit einer einmaligen freiwilligen Spendenaktion schickten wir damals zu Vorstellung des Pre’s unseren Administrator zur CES (btw. ich hatte aber nichts gespendet). Kurz, alle waren als längjährige Palm-Nutzer ziemlich gespannt auf das neue Smartphone aus dem Hause Palm. Auch bei mir liegt noch ein neuwertiger Treo 680 Copper auf dem Tisch, limitiert und in Deutschland nicht erhältlich. Früher gab es in den USA noch richtige Palm Stores, u.a. einer auch im Rockefeller Center. Da hab ich damals zugeschlagen.

Aber zurück in die Neuzeit. Der Pre erschien zuerst in den USA, precentral.net ist hier für alle Interessierten die erste Anlaufstelle. Da wurden dann bereits die ersten euphorischen Erwartungen stark gedämpft. Aber das hielt viele natürlich nicht davon ab, trotzdem einen Pre zu kaufen. Von O2 gab es Pre Events in vielen deutschen Großstädten zur Markteinführung des Pre. Logisch, das ich da dabei sein musste, siehe diesen Artikel. Aber die Ernüchterung folgte in den nächsten Tagen und Wochen. Aber der Reihe nach:

Hardware:

Die Hardware sieht optisch schick aus und liegt sehr gut in der Hand. Die ausziehbare Tastatur ist sehr gewöhnungsbedürftig, da die Tasten sehr nahe nebeneinander sind. Nach einiger Eingewöhnungszeit kommt man aber damit klar. Von der Tastaturqualität eines Treo’s ist der Pre aber ein ganzes Stück entfernt. Der Pre macht auch nicht gerade einen hochwertigen Eindruck, der Slider wackelt mal mehr, mal weniger, je nachdem man als Käufer Glück oder Pech hat. Einige User haben schon Austauschorgien hinter sich und haben den Pre dann frustriert zurückgegeben und wurden mit anderen Telefonen glücklicher. Von der Verarbeitungsqualität eines iPhones oder eines HD2 ist der Palm Pre meilenweit entfernt. Von den unvermeidlichen Kratzern im Spiegel will ich gar nicht erst reden. Fazit: Setzen! Sechs! Ab in die Kammer zum Nachbessern. Mit der originalen Rückseite knarzt das Gerät auch nicht gerade vertrauenserweckend, erst nach Tausch gegen die TouchStone Rückseite ist das Knarzen weg.

Palm Pre

Software:

Eigentlich sollten wir jetzt zum Positiven kommen, dem WebOS genannten Betriebssystem des Palm Pre. Nach dem ersten Einschalten wird ein kleines Tutorial abgespielt, das bringt einem die Gesten-Steuerung näher. Die Bedienung des Telefons mit den ganzen Gesten ist wirklich gelungen, ebenso die Haptik mit der sehr schönen Oberfläche. Das Telefon lässt sich gut bedienen, alle geöffneten Anwendungen werden in “Cards” dargestellt und durch einen Druck auf den mittleren Button sieht man einen Übersicht über die Anwendungen. Mit einem Wisch nach oben beendet man die Programme. Der Programmlauncher besteht aus drei Seiten und kann nicht erweitert werden, hierzu später mehr. Es gab bisher schon einige Updates, aber ohne diese war der Pre auf Dauer auch kaum benutzbar. Die ausgelieferte Version 1.2.x war sowas von grottenlangsam, dass es nicht mehr feierlich war. Das System laggte an allen Ecken und Enden. Das Umschalten auf den nächsten Tag im Kalender war z.b. indiskutabel träge. Aber auch so fühlte sich das System langsam an. Die Geschwindigkeit des 3G (ohne “Speed) kam der Pre nicht heran. Erst mit 1.3 liegen beide Geräte im Bezug auf die Geschwindigkeit auf einem Level. Wer aber schon länger ein 3GS nutzt, dem erscheint der Pre immer noch träge und das wird sich auch kaum mehr ändern. In den USA ist bereits der Pre Plus mit mehr RAM und doppelten Speicher angekündigt. Die Sache mit den Notifications hat Palm wesentlich eleganter wie Apple gelöst. Die Notifications werden unten eingeblenden, der Bildschirm wird dabei automatisch ein Stück kleiner. Beim iPhone poppt einfach mittig diese Push-Notification auf, bei mehreren gleichzeitig kaum zufriedenstellend. Am Pre ist dies hingegen sehr schön gelöst.

Auch für den Palm Pre gibt es einen eingebauten App Store. Dieser ist aber immer noch sehr mau bestückt. Es gibt keine kaufbare Software, der App Store ist immer noch “Beta”. Die Bezahl-Software soll erst mit 1.4 in Deutschland kommen. In den USA kann man schon länger Software auf kaufen und nicht nur abgespeckte Probierhäppchen oder Furz-Apps laden. Ja, auch die Furz-App gibt es bereits für den Pre. Der Erfolgt des Pre steht und fällt meiner Ansicht nach mit dem Angebot an Programmen. Wenn man nur auf den offiziellen Wegen bleibt, dann wird man sehr schnell enttäuscht. Das Angebot im App Store ist recht mau, fast alle gewohnten Programme aus der Palm Zeit sind nicht vorhanden. Der eingebaute Kalender am Pre ist sehr einfach gestrickt und kann nicht viel, vergleichbar mit dem iPhone Kalender. Die Synergie genannte Technik ist zwar interessant, aber ich möchte diese nicht nutzen. Synergie vereint die Kontaktdaten vieler Online-Dienste am Pre, z.b. Facebook, Google und andere. Aber nach den letzten Äußerungen von Zuckerman (facebook) zur Privatsphäre der Nutzer bei Facebook habe ich meinen Account dort gelöscht. Das brachte das Faß zum Überlaufen. Hoffentlich bin ich wirklich aus deren Datenbank gelöscht. Aber darüber kann ich mich an anderer Stelle aufregen. Dagegen ist die Providerbindung des iPhones ein lächerliches Thema (Sorry Jörn :D ).

Das WebOs ist im Grunde ein Linux System und die AppStore Anwendung nichts anderes als ein Paketmanager. Mit Hilfe einiger Zusatzprogramme (Link zur Anleitung bei Precentral) lässt sich ein alternativer Paketmanager installieren. Mit Hilfe des WebOS Doctors lassen sich auch Patches aufspielen. Patches verändern bestehende Anwenungen, z.b. lassen sich so mehrere Launcher Seiten anlegen. Ab Werk ist das auf drei beschränkt. Darüberhinaus gibt es noch viele andere nützliche Modifikationen ohne die der Pre gar keinen Spaß mehr macht. Im Preware (so nennt sich der Paketmanager) selber gibt es dann viele zusätzliche Anwendungen, die nicht im normalen App Store zu finden sind, warum auch immer. Hier gibt es auch die obligatorischen Themes, ohne die wohl keine Plattform auskommt. Auch so ein Punkt, den ich nicht verstehen.

Das klingt ja jetzt gar nicht so schlecht, denken jetzt viele. Jetzt kommt aber das große aber! Viele unbedarfte Nutzer haben sich schon den Pre komplett zerschossen mit diesen Patches etc. Vor dem Einspielen eines Softwareupdates müssen diese komplett entfernt werden, sonst kann es zu vielseitigen Problemen kommen. In den Foren von Precentral.net und Nexave kann man den Leidensweg von vielen Usern nachlesen. Teilweise kann man die Patches mit dem WebOS Doctor alleine gar nicht mehr alle entfernen, dafür benötigt man dann über Preware Linux-Tools. Und bis 1.3.x konnte man ein Softwareupdate des Pre’s gar nicht verhindern. Nach zweimal wegklicken wurde beim dritten Mal das Update freundlicherweise ohne Nachfrage einfach installiert. Wenn das Apple machen würde, nicht auszudenken! Das Rauschen im Blätterwald wäre kein Rauschen, sondern ein Orkan!

Das ganze ist ein richtiges Gefrickel, vernünftige gute Software muß man mit der Lupe suchen, wobei es langsam besser wird. Aber ohne Preware ist auch kaum ein vernünftiges Nutzen möglich. Wann der Nachfolger des Pre bei uns erhältlich sein wird, ist bis dato nicht bekannt. Der Preis wurde von O2 erst diese Woche gesenkt, ein Zeichen? Ich glaube, die Verkäufe des Pre sind weltweit nicht so gut wie nötig. Ich hoffe aber wirklich, dass Palm überlebt und dass aus verschiedenen Gründen. Der Ansatz von WebOS ist grandios, nur müssen schnellstens die ganzen Fehler ausgebügelt werden, die Hardwareprobleme gelöst werden und und. Apple braucht starke Konkurrenz und die ist noch nicht in Sicht. Google hat auch eine kleine Bauchlandung mit dem Nexus erlebt, aber Android macht sich auch langsam aber sicher.

Ach, der Akku! Den hätte ich beinahe vergessen. Mein erster Pre war diesbezüglich nicht benutzbar. Morgens ca. 6.25 mit 100% das Haus verlassen, um ca.15.00 Uhr war der Pre platt und schaltete sich aus. Und das ohne den Pre großartig benutzt zu haben, nur Push-Mail lief im Hintergrund ständig. Da war doch was faul, oder? Ein Charge Akkus hatten ein Problem, nach oft langer Diskussion an der Hotline wurden diese ausgetauscht. Mein zweiter Pre war diesbezüglich schon besser und mit normaler Nutzung kommt man über den Tag, ein tägliches Aufladen ist man ja eh schon bei Smartphones gewöhnt. Mit den TouchStones hatte Palm anfangs auch so seine Probleme und musste viele austauschen. Der TouchStone ist ein Tischladegerät für den Pre. Der Pre wird nur aufgelegt und per Induktion aufgeladen, eine sehr schöne Lösung. Dazu muß man noch eine andere Rückenabdeckung für den Pre kaufen, die ich aber eh jeden empfehlen kann. Nur dann knarzt das Gerät nicht in der Hand.

Als langjähriger iPhone-Nutzer ist man aber schon wirklich von der ganzen heilen Apple-iPhone-Welt richtig versaut. Man gewöhnt sich sehr schnell an das Zusammenspiel mit iTunes. Podcasts werden ohne Zutun automatisch heruntergeladen, nach dem Hören werden sie vom iPhone/iPod automatisch wieder gelöscht. Intelligente Musiklisten funktionieren meistens, ein paar Klicks und schon hat man gigabyteweise neue Musik am iPhone. Die Bedienung des iPhones und der Programme ist größtenteils einfach und durchgehend konsistent. Ein anderes Smartphone hat es sehr schwer, weil man die Bedienung immer mit dem iPhone vergleicht.

Das alles ist mit dem Pre ein ganzes Stück schwieriger, ein Abgleich mit iTunes ist nicht vorgesehen, da muß man sich mit anderen Lösungen, die bei weitem nicht so komfortabel sind, zufrieden geben. Oder man nutzt den Pre als USB-Platte und kopiert die Tracks manuell auf den Pre. Aber das will man im Jahre 2010 doch nicht mehr wirklich, oder?

Ich habe es zweimal ernsthaft versucht und bin jedesmal gescheitert. Ich werde die weitere Entwicklung von WebOS beobachten und mir eventuell wieder einen Pre zulegen, wenn es WebOS 2.0 gibt. Mal sehen, ob Palm dann mithalten kann. Aber halt, OS4.0 steht doch auch bereits vor der Türe?