Test: Native Instruments Scarbee MM-Bass & Jay-Bass

in Gitarre, Software von heiko, 26. Februar 2010 - Ein Kommentar »

Gute Bass Sounds sind die Basis fast jeden Musikstils. Denn ohne Bass geht gar nichts, sei es nun ein swingender Walkingbass, ein grollender Rocker oder das Funkgewitter aus dem Daumen. Da ist es doch umso erstaunlicher, dass mancher Produzent dem Bass als Instrument oft so gar keine oder nur wenig Beachtung schenkt. Mit den beiden Kore Soundpacks MM-Bass und Jay-Bass hat Native Instruments nun zwei Libraries am Start, die sich aussagekräftigem Tieftonfundament widmen.

Die Bässe

Beide Basslibraries gehen auf das Konto von Thomas Hansen Skarbye, selbst Bassist, Komponist und Produzent. In den Liner Notes zum Plug-in schreibt Skarbye, dass er sich in Folge des Karpaltunnelsyndrom, an dem er leidet, eine künstliche Lösung überlegen musste, um authentische Bassklänge in seinen Produktionen zu realisieren. Ergebnis dieser Überlegungen sind seine Basslibraries.

Mit MM-Bass und Jay-Bass bedient Native Instruments zwei Klassiker des Bassbaus, beide ursprünglich am Konstruktionsbrett von Leo Fender entstanden. Das Vorbild des MM-Basses ist der Music Man Stingray, oder besser noch ein spezifischer Sound aus dem Music Man, nämlich der von Chic-Bassist Bernard Edwards. Beim Jay-Bass stand der Sound des Jazz Basses Pate. Dabei verwendete Thomas Hansen Skarbye jedoch nicht die originalen Bässe aus dem Hause Music Man oder Fender. Auch wenn beim MM-Bass keine genauen Angaben zum Instrument zu finden sind schreibt Thomas Hansen Skarbye in seinen Anmerkungen:

  • „However, the instrument we used was an excellent and expensive american bass – an updated but classic sound[…]I didn’t use the exact same bass as we knew was on the beloved recordings from the 70s […]So by using an updated version of the original bass—which has a mellower tone as body is smaller, pickup magnets are Ceramic […]I managed to get much closer to the sound I wanted and loved.”

Die Anmerkungen bezüglich des kleineren Bodies und des Keramikmagnete des Tonabnehmers legen es für mich nahe, das Skarbye hier auf den Music Man Sterling Bass zurückgegriffen hat, und nicht auf das klassische Stingray-Schwergewicht, das Bernard Edwards spielte.

Etwas detaillierter sind seine Angaben bezüglich des Jay-Basses. Hier verwendet Skarbye einen Jazz-Bass dänischer Fertigung mit den klassischen 70er-Spezifikationen. Eschekorpus, One-Piece-Maple-Neck, 34er Mensur, 2 Vintage J-BassPickups, Badass-Bridge und 21 Jumbo-Bünde, das klingt schwer nach Marcus Miller-Funk.

Über die Installation von NI-Produkten haben wir schon öfter geschrieben, und auch hier machen MM-Bass und Jay-Bass keine Ausnahmen. Die Files lädt man vom Native Instruments Server, nach erfolgreicher Installation erfolgt die Autorisation über das Native Instruments Service Center.

MM-Bass

Beim MM-Bass ging es Thomas Skarbye darum, den sehr speziellen Sound eines Music Man-Basses einzufangen, nämlich den von Chic-Bassist Bernarnd Edwards. Edwards machte in den 70ern mit seinem Partner Nile Rodgers den Chic-Sound populär und verdiente sich in der Folge als Produzent und Studiomusiker für Bands wie Powerstation, Robert Palmer oder Sister Sledge.

Jeder, der mal auf YouTube nach Bernarnd Edwards sucht, wird auffallen, welche Vielfalt an Sounds der Mann aus seinem Bass herausholt. Folglich hat sich das Skarbye MM-Bass Soundpack einiges vorgenommen, mit dem schlichten absamplen der Töne übers Griffbrett und Velocity-Switches ist es also nicht getan.

Zunächst berücksichtigt das Plug-in die Verwandschaft von Tönen. Dabei ist nicht die Skalenverwandschaft gemeint, sondern wie die Töne auf dem Griffbrett zueinander liegen. Bestimmte Töne lassen sich auf allen vier Saiten greifen (der gesampelte MM-Bass ist ein Viersaiter). Ein richtiger Bassist wird aber eine distinguierte Technik haben, wo er die Töne greift, nämlich mit möglichst wenig Lagenwechslerei. Mit Automatic String Selection gibt MM-Bass auf dem Keyboard gegriffene Noten so wieder, dass der Bewegungsaufwand auf dem Bass minimal wäre.

Über Manual String Selection lässt sich über einen globalen Keyswitch bestimmen, von welcher Saite ein Sample getriggert wird. Das hin und herschalten zwischen Automatic und Manual geht sehr einfach. Per Default befindet sich MM-Bass im Modus Automatic String Selection. Drückt man E0, A0, D0 oder G0 auf dem Keyboard wechselt man in den Manual Mode. Einfach und effizient.

Man kann die Sache aber auch anders angehen, und mit den Tasten F5-B6 bestimmen, auf welchem Bund die Töne gegriffen werden sollen. Wechselt man die Lage, quittiert MM-Bass dies mit Fret Noises abhängig von der Anzahl der Bünde, über die der Wechsel erfolgt.

Sehr vieles, was richtigem Bassspiel Charakter gibt, passiert zwischen den Tönen. Dazu fällt mir immer wieder ein Zitat von Stray Cats-Bassist Lee Rocker ein, der sinngemäß sagte, Rockabilly Slap-Bass wäre nur zu 50 Prozent die gegriffenen Töne, der Rest sei Percussion. Anders verhält es sich etwa beim Funk- oder Reggea-Spiel auch nicht, Entscheidendes passiert zwischen den Noten.

Beim MM-Bass gibt es dafür sehr umfangreiches Set an Artikulationen, mit denen sich das virtuelle Bassspiel interessant gestalten lässt. Alle Noten erklingen bei höheren Velocity-Werten mit der Sustain-Artikulation, unter 40 werden Mute-Samples getriggert, unter 15 erhält man Harmonics (zum Beispiel bei Noten über den Bünden 5 oder 7), wo es keine Obertöne gibt, da erklingen Mutes. Mit dem Keyswitch A#1 lassen sich global für jeden Velocity-Wert Mutes abrufen. Weiterhin stehen typische Spielweisen wie Hammer on, Pull off, Grace Note oder Slides zur Verfügung, die typische Bassspielweisen simulieren. Etwas spezieller sind da schon Buzz-Trills, Trill Tails oder Pickup Claps. Die Pickups Claps sind oft Ausdruck expressiven Bassspiels, wenn z. B. der Basser versucht, signifikante Taktteile, auf denen er keine konkrete Note spielt, mit Percussion zu füllen.

Neben all diesem hat der MM-Bass auch unterschiedliche Samples an Bord, die automatisch vom Plug-in getriggert werden. Hierzu gehören die Release Samples, die den Ausklang einer Note definieren, man hat die Auswahl zwischen Loose, Tight1 und Tight 2. Die Tight-Releases klingen sehr clean und gedämpft, während die Loose-Releases mehr Schmutz zulassen. Dann gibt es noch die Pickup Hits, also der Sound, der entsteht, wenn man kräftig in die Saiten langt und die auf den Tonabnehmer knallen. Gerade bei letzteren bekommt man als Novize vom Basslehrer ja gerne mal auf die Finger, aber Thomas Hansen Skarbye hat sie eingebaut, und manch Basser aus Fleisch und Blut hat sie zu seinem Stilmittel gemacht.

Aber auch für die rechte Hand (ich gehe mal von Rechtshändern aus) bietet MM-Bass einige Spezialitäten. So wird der Wechsel zwischen Zeige- und Mittelfinger unterstützt, dabei lässt sich festlegen, dass längere Notenwerte nur vom Zeigefinger gespielt werden, und ab welcher Geschwindigkeit der Mittelfinger mit ins Spiel kommt.

Akkorde auf dem Bass sind mitunter auch eine nette Sache, siehe Doug Pinnick oder Justin Chancellor. Ausdrucksstarkes Akkordspiel unterstützt das MM-Bass Plug-in durch ein Chord-Script, welches sich realistischer Voicings annimmt. Slides ganzer Akkorde über das Griffbrett werden selbstredend genauso umgesetzt wie perkussive Slides. Ein dezentes Vibrato kriegt der MM-Bass genauso hin wie Sustaining Notes, welche die Töne elegant verbinden. Als ob dies alles noch nicht genug wäre, hat der MM-Bass auch noch verschiedene Player Profiles implementiert, die die typischen Spielweisen unterschiedlicher Stilistiken imitieren, da gäbe es den Pop/Country-Basser, den Rock- und Retro-Growler sowie den Funk- und Soulisten.

Wer mit Key-Switches nicht so wirklich warm wird, dem wird auch die Möglichkeit gegeben, über einen MIDI-Controller Parameter wie Playing Position, Slide Mode, Release, Sustain oder Pickup Hit Chance zu kontrollieren.

In seiner Gesamtheit betrachtet ist der MM-Bass eine pfundige Angelegenheit, mit mächtig Druck und Schub, genauso wie man es von Original aus dem Hause Music Man erwartet. Dem großen Vorbild, nämlich dem großartigen Sound von Bernard Edwards wird das Plug-in sehr gut gerecht, aber auch wer in anderen musikalischen Gefilden als Disco oder Funk unterwegs ist wird beim MM-Bass potente Bass-Klänge finden, die rund und aussagekräftig klingen. Insgesamt bringt das Plug-in authentischen Bass-Sound und legt die Latte für den Jay-Bass entsprechend hoch.

Soundbeispiele MM-Bass

Ich habe mich zum Test für den Scarbee MM-Bass Unamped entschieden, Native Instruments bietet das Sondpack auch „Amped“ an. Da ich aber über ausreichend Bassprozessoren verfüge, ist mir in diesem Fall der DI-Sound lieber.

Hier der MM-Bass direkt und pur.

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Im folgenden habe ich die Ampeg SVT4-Pro Simulation aus Ampeg SVX zugeschaltet.

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Hier der Scarbee MM-Bass mit dem hauseigenen Bass Pro aus Guitar Rig 4.

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Jay Bass

Der Jazz-Bass ist mein favorisierter Bass, ein Fünfsaiter und ein mittlerweile zum Fretless mutierter Viersaiter nenne ich mein eigen. Mein Fünfsaiter ist sogar, abgesehen von der fünften Saite und der strikt passiven Elektronik, was die Holzauswahl angeht gar nicht so weit weg vom Scarbee Jay Bass. Was den technischen Unterbau betrifft, findet sich vieles vom MM-Bass auch im Jay-Bass. Auch dieser versteht Automatic und Manual String Selection, Artikulationen oder Player Profile. Was den Jay-Bass aber vom MM-Bass unterscheidet ist, dass der Jay-Bass neben Fingerspiel auch die Slapspielweise kann. Entweder kann man nur die Fingerspielweise laden, oder eben Finger und Slap und per Keyswitch zwischen beiden Ausdrucksweisen hin und her springen.

Natürlich trägt der Jay-Bass dem Vorbild durch die Auswahl unterschiedlicher Tonabnehmerpositionen Rechnung, hier kann man zwischen beiden Pickups, Bridge oder Neck wählen. Die Release-Charakteristiken beschränken sich hier auf Loose und Tight und auch das Slideverhalten ist beim Jay-Bass anders geregelt als beim MM-Bass. Anders ist auch das Verhältnis der Zeigefinger/Mittelfinger-Samples, denn beim Jay-Bass sind die Mittelfingersamples von Ihrer Länge kürzer als die des Zeigefingers.

Auch der Jay-Bass kann klanglich voll überzeugen, ist sogar mit seinem mehr an Möglichkeiten (Finger/Slap, Tonabnehmerkombinationen) noch um einiges flexibler als der MM-Bass. Jazz-Bässe kenne ich sehr gut, und der Scarbee ist wirklich sehr nah dran am Original.

Soundbeispiele Jay-Bass

Beide Pickups des Jay-Bass, mit den Fingern gespielt, ohne Amp-Sim.

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Der Stegpickup.

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Der Hals Pickup, immer noch mit den Fingern.

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Beide Pickups geslappt.

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Stegpickup

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Für mich eher ungewöhnlich, aber auch mit dem Halspickup lässt sich slappen.

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Hier nochmal beide Pickups geslappt über den BassPro aus Guitar Rig 4.

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Das User-Interface beider Soundpacks läuft im Kontakt 4-Player und ist ebenso detailliert wie übersichtlich. Konsequenterweise erscheint das UI als typische Darstellung des gerade geladenen Basses. Auf dem virtuellen Griffbrett erscheinen die jeweils gespielten Töne an der entsprechenden Stelle auf dem Griffbrett, so dass man recht schnell erkennt, ob die Scarbee-Bässe auch das „greifen“, was man möchte.

Das die beiden Scarbee Plug-ins auf das Konto eines Bassisten gehen, merkt man in jeder Zeile Code. Was Thomas Hansen Skarbye hier in ein Plug-in packt, ist fast unglaublich. Dabei hatte ich mir vorgenommen, hier doppelt kritisch zu sein, schließlich habe ich ja selbst einen dicken Draht zum Tieftonfundament. Aber ich finde nichts, was ich Thomas ankreiden könnte. Seine Umsetzung ist detailliert und genau, mit dem Fokus auf den richtigen Aspekte des Bassspiels. Detail- und facettenreich sind die Samples der Scarbee-Bässe in Szene gesetzt, ein hoher Praxiswert steht dem günstigen Anschaffungspreis gegenüber.

Und auch ich weiß mit den Scarbee-Bässen etwas anzufangen. Denn einen schönen Jazz-Bass on the go habe ich mir schon länger gewünscht, dann nämlich, wenn mein eigener Fünfsaiter nicht mit kann, aber authentischer Sound auf einer Produktion gefordert ist. Allzu oft sind es ja die MIDI-Bass-Spuren aus Demos und Vorproduktionen, die dann aus Zeit- und Kostengründen im finalen Mix landen (müssen). Schön wenn man dann auf ein Tool wie die Scarbee-Bässe zurückgreifen kann.

Fazit

Im Falle des MM-Basses würde ich aus eigener Präferenz den virtuellen Scarbee vorziehen, denn so sehr ich auch den Music Man-Sound liebe, so unergonomisch ist der Bass für mich. Durch die Tatsache, dass der MuMann nur einen Pickup an der Stegposition hat, ich es aber vom Jazzy gewohnt bin, meinen Daumen beim Fingerspiel auf dem Halspickup abzustützen, ergibt sich ein für mich unangenehmer Winkel für den rechten Arms, der mich schnell ermüden lässt. Für diese Sounds werde ich in Zukunft also verstärkt auf den Scarbee MM-Bass zurückgreifen, zumal das einspielen über das Keyboard recht einfach von statten geht. Zwar mögen die große Anzahl an Artikulationen und Ausdrucksmöglichkeiten und die damit verbundenen Keyswitches zunächst erschreckend komplex erscheinen, man bekommt die Scarbee Plug-ins aber recht schnell in den Griff. Redaktionstipp ist ein Muss!

Heiko Wallauer

Systemvorraussetzungen

  • Kostenloser KONTAKT 4 PLAYER, KONTAKT 3.5 /4
  • Kostenloser KORE 2 PLAYER (Version 2.1) oder KORE 2.1

Preis

  • 79 Euro

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